Die Schützen und die Burg

Der Schützenverein „Altes Amt Stickhausen“ feiert an diesem Wochenende sein Volks- und Schützenfest. Am Sonntag, 21. August, startet der traditionelle Festumzug um 14 Uhr auf dem Burggelände. Was die Schützen mit der Burg verbindet, lesen sie hier.

Vor 180 Jahren herrschte Hunger in Europa.  Seit dem Jahr 1844 gab es in ganz Europa Tumulte und Aufstände wegen gestiegener Lebensmittelpreise, die teilweise durch Spekulationen ausgelöst wurden. Im Jahr 1846 kamen schwere Missernten hinzu, die im darauffolgenden Jahr nicht nur in Deutschland zu schweren Hungersnöten führten. Es kam zu Plünderungen und Überfällen.

Deutschland bestand damals aus 36 eigenständigen Staaten. Deren Herrscher – Könige, Fürsten, Großherzöge und Herzöge – setzen gegen die Hungerdemonstrantinnen und -demonstranten Soldaten ein. In Hannover wies König Ernst August am 6. März alle Eingaben einer Bürgerdelegation brüsk zurück und schickte seine Soldaten, die mit der flachen Klinge auf die Bürger einschlugen.

Die Nachrichten von den Hungeraufständen im ganzen Land und den Ereignissen in Hannover, wo aufgebrachte Bürger im März 1848 den Ministern die Fenster einwarfen und Polizisten angriffen, alarmierten auch die königlich hannoversche Amtsverwaltung in der Burg Stickhausen. In ihrem Verantwortungsbereich war es bereits zu nächtlichen Überfällen gekommen, bei denen Lebensmittel gestohlen wurden. Zum Schutz Stickhausens wurde nachts die Klappbrücke über die Jümme hochgezogen.

Die Jümme-Brücke bei Stickhausen. Bild aus dem Jahr 1863.
Brücke hoch! Die Burlager kommen!

Besondere Sorge bereitete dem königlich hannoverschen Amtmann Gerdes die Nachricht, dass sich Männer aus den Dörfern Langholt und Burlage, die als besonders „wüst“ galten, auf den Weg nach Stickhausen machen wollten. Die beiden Dörfer unterstanden dem Amt Stickhausen, das unter anderem auch für das Eintreiben der Steuern zuständig war. Wegen der schlechten Ernten und hohen Preise konnten viele Bauern ihre Steuern nicht bezahlen. Die königlich hannoverschen Steuereintreiber blieben hart und zogen die Steuern mit Zwang ein. Empört kündigten die Langholter und Burlager an, gemeinsam mit den Nachbarschaften in einem bewaffneten Zug zum Amtssitz nach Stickhausen zu marschieren. 

Ernst August, König von Hannover, hatte nach den Märzunruhen die Errichtung von Schutzwachen (Bürgerwehren) in seinem Königreich angeordnet. Gemäß dieser königlichen Order wurde in Stickhausen am 4. April 1848 eine Bürgerwehr ins Leben gerufen. Die Männern waren mit Piken und Gewehren ausgerüstet und übte in den „Meedlanden“ – dem Land zwischen Burg und Nordgeorgsfehnkanal – für den Ernstfall, der Ankunft der Burlager und Langholter. Diese brachen jedoch ihren Marsch nach Stickhausen aus unbekannten Gründen ab und kamen nie bis zur Jümme.

Aus den reinen Hungerrevolten war inzwischen mehr geworden. Es wurden grundlegende Reformen gefordert. Im April 1848 verlangte der Herausgeber der kurzlebigen Zeitung „Ostfriesische  Zeitschwingen“, der Auricher Gymnasiallehrer Franz Wilhelm Miquél, die Errichtung einer allgemeinen Volksbewaffnung durch die Frankfurter Nationalversammlung. Eine geübte Volkswehr stärke nicht nur Gemeinsinn, Freiheits- und Vaterlandsliebe und das Selbstbewusstsein des Einzelnen, sondern sie mache auch, indem „Waffen Waffen entgegengestellt“ würden, jede Reaktion unmöglich, so Miquél.

Das Frankfurter Parlament war im Mai 1848 als erstes gesamtdeutschen Parlament gewählt worden. Zum ersten Mal durfte jeder volljährige, selbstständige männliche Staatsangehörige seine Stimme angeben. Auf der Liste der Forderungen des Volksvertreter standen unter anderem die Abschaffung der Standesvorrechte vor allem des Adels, Steuergleichheit, Presse- und Versammlungsfreiheit. Als deutsche Nationalfarben wurden Schwarz-Rot-Gold beschlossen.

Aufgeschreckt durch die radikalen Vorschläge der Frankfurter Volksvertreter befahl König Ernst August den hannoverschen Abgeordneten, das Parlament zu verlassen.

Außerdem wuchs die Sorge, dass die  Bürgerwehren im Königreich zu den „Demokraten“ überlaufen könnten. Deshalb ordnete Ernst August an, dass sich die erst wenige Wochen zuvor auf seine Anordnung hin gebildeten Bürgerwehren wieder auflösen müssten.

Die Stickhauser Bürgerwehr folgte der königlichen Anordnung und löste sich auf. Der Schützenverein „Altes Amt Stickhausen“ betrachtet die Bürgerwehr Stickhausen als seinen Vorläufer.

"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten"

In Süddeutschland wurden die Aufstände blutig unterdrückt. Es kam zu regelrechten Schlachten zwischen Militär und Aufständischen mit tausenden von Toten. Der König von Preußen schickte mehr als 60.000 Bewaffnete gegen 30.000 Aufständische nach Baden, getreu seinem Motto: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.“ Mitte 1849 war die Revolution vorbei.