Die Burg Stickhausen und der heutige Schützenverein „Altes Amt Stickhausen“ sind durch die Deutsche Revolution von 1848 verbunden.

Seit dem Jahr 1844 gab es in ganz Europa Tumulte und Aufstände wegen gestiegener Lebensmittelpreise, die teilweise durch Spekulationen ausgelöst wurden. Im Jahr 1846 kamen schwere Missernten hinzu, die im darauffolgenden Jahr nicht nur in Deutschland zu Hungersnöten vor allem auf dem Lande führten. In ihrer Not griffen die Hungernden zu Plünderungen und Überfällen. Hinzu kam die Unzufriedenheit im aufstrebenden Bürgertum, dass die in den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 versprochene und niemals eingelöste Verfassung einforderte. Deutschland bestand damals aus 36 eigenständigen Staaten. Deren Herrscher – Könige, Fürsten, Großherzöge und Herzöge – setzen gegen die Hungerdemonstrantinnen und -demonstranten Soldaten ein.

In Hannover wies König Ernst August am 6. März alle Eingaben einer Bürgerdelegation brüsk zurück und schickte seine Soldaten, die mit der flachen Klinge auf die Bürger einschlugen. Die Nachrichten von den Hungeraufständen im ganzen Land und den Ereignissen in Hannover, wo aufgebrachte Bürger im März 1848 den Ministern die Fenster einwarfen und Polizisten angriffen, alarmierten auch die königlich hannoversche Amtsverwaltung, die in der Burg Stickhausen ihren Sitz hatte. In ihrem Verantwortungsbereich war es bereits zu nächtlichen Überfällen gekommen, bei denen Lebensmittel gestohlen wurden. Zum Schutz Stickhausens wurde nachts die Klappbrücke über die Jümme hochgezogen.

Besondere Sorge bereitete dem königlich hannoverschen Amtmann Gerdes die Nachricht, dass sich Bauern aus den Dörfern Langholt und Burlage, die als besonders „wüst“ galten, auf den Weg nach Stickhausen machen wollten. Die beiden Dörfer unterstanden dem Amt Stickhausen, dessen Beamte auch für das Eintreiben der Steuern zuständig war. Wegen der schlechten Ernten und hohen Preise konnten viele Bauern ihre Steuern nicht bezahlen. Die königlich hannoverschen Steuereintreiber blieben hart und zogen die Steuern mit Zwang ein. Empört kündigten die Langholter und Burlager an, gemeinsam mit den Nachbarschaften in einem bewaffneten Zug zum Amtssitz nach Stickhausen zu marschieren.

Ernst August, König von Hannover, hatte nach den Märzunruhen die Errichtung von Schutzwachen (Bürgerwehren) in den Gemeinden seines Königreichs angeordnet, um der Aufstände Herr zu werden. Gemäß dieser königlichen Order wurde in Stickhausen am 4. April 1848 eine solche Bürgerwehr ins Leben gerufen. Die Wehr war mit Piken und Gewehren ausgerüstet und übte in den „Meedlanden“ – dem Land zwischen Burg und Nordgeorgsfehnkanal. Sie sollte den Amtssitz schützen und wartete auf die Langholter und Burlager. Diese brachen jedoch ihren Marsch nach Stickhausen aus unbekannten Gründen ab und kamen nie bis zur Jümme.

Nachrichten vor allem aus Süddeutschland, wo sich Bürgerwehren den Aufständischen anschlossen, schürten die Besorgnisse der königlich hannoverschen Regierung. Im Königreich Hannover erschienen immer mehr revolutionäre Schriften. So forderte im April 1848 der Herausgeber der kurzlebigen Zeitung „Ostfriesische Zeitschwingen“, der Auricher Gymnasiallehrer Franz Wilhelm Miquél, die Errichtung einer allgemeinen Volksbewaffnung durch die Frankfurter Nationalversammlung. Eine geübte Volkswehr stärke nicht nur Gemeinsinn, Freiheits- und Vaterlandsliebe und das Selbstbewusstsein des Einzelnen, sondern sie mache auch, indem „Waffen Waffen entgegengestellt“ würden, jede Reaktion unmöglich, so Miquél.

Das Frankfurter Parlament war im Mai 1848 als erstes gesamtdeutschen Parlament gewählt worden. Zum ersten Mal durfte jeder volljährige, selbstständige männliche Staatsangehörige seine Stimme angeben. Auf der Liste der Forderungen des Volksvertreter standen unter anderem die Abschaffung der Standesvorrechte vor allem des Adels, der unter anderem keine Steuern zahlen musste,  Presse- und Versammlungsfreiheit. Als deutsche Nationalfarben wurden Schwarz-Rot-Gold beschlossen.

Aufgeschreckt durch die radikalen Vorschläge der Frankfurter Volksvertreter befahl König Ernst August den hannoverschen Abgeordneten, das Parlament zu verlassen. Für sein Königreich ordnete er die Auflösung der erst wenige Wochen zuvor auf seine Anordnung hin aufgestellten Bürgerwehren. Seine Regierung fürchtete, die Bürgerwehren könnten dem Beispiel in anderen Ländern folgen und zu den „Demokraten“ überlaufen. Die Stickhauser Bürgerwehr folgte der königlichen Anordnung und löste sich auf.

Der Schützenverein „Altes Amt Stickhausen“ betrachtet die Bürgerwehr Stickhausen als seinen Vorläufer.

In Süddeutschland wurden die Aufstände blutig unterdrückt. Es kam zu regelrechten Schlachten zwischen Militär und Aufständischen mit tausenden von Toten. Der König von Preußen schickte mehr als 60.000 Soldaten gegen 30.000 Aufständische nach Baden, getreu seinem Motto: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.“ Mitte 1849 war die Revolution vorbei.

Viele Revolutionäre mussten fliehen, ihnen drohten Zuchthaus oder die Todesstrafe. Allein aus dem Großherzogtum Baden wanderten 80.000 Menschen, das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten gingen von die USA oder nach Australien und wurden dort als „Forty-Eighters“ (Achtundvierziger) bezeichnet. Einer der bekanntesten unter ihnen war Carl Schurz. Er wurde später Innenminister der USA und war der bedeutendste Deutschamerikaner des 19. Jahrhunderts.

Quellen:

  • Bundeszentrale für politische Bildung, „Die Revolution von 1848/1849“
  • „Die Chronik Detern“, Kulturkreis Jümme, ISBN 978-3-00-050956-8
  • „Die Deutsche Revolution“ von Wilhelm Blos, J.H.W. Dietz Nachf., Berlin/Bonn, ISBN 3-8012-0030-2
  • „Schlaglichter der deutschen Geschichte“ von Helmut M. Müller, Bundeszentrale für politische Bildung, ISBN 3-89331-064-9
  • „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ von Golo Mann, S. Fischer, ISBN 978-3-10-047920-4
  • Carl Schurz: „Lebenserinnerungen“, Wallstein Verlag, Göttingen, 2015, ISBN 978-3-8353-1582-2
  • Geschichte des Schützenvereins Stickhausen, www.schuetzenverein- stickhausen.de
  • Lebenserinnerungen der Auguste Gerdes, unveröffentlicht
  • diverse Veröffentlichungen der Ostfriesischen Landschaft www.ostfriesischelandschaft.de