Ein besonderes Geschenk

Die Kanone ist eine Spende des Schützenvereins "Altes Amt Stickhausen". Die Restaurierung hat einen vierstelligen Betrag gekostet.
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Das Kanonenrohr ist bei Aufräumarbeiten auf dem Burggelände völlig verrostet gefunden worden.

Der Schützenverein „Altes Amt Stickhausen“ hat am Sonntag, 21. August 2022, aus Anlass des diesjährigen Schützenfests dem Burgverein die „Napoleon-Kanone“ übergeben. Die Schützen haben die Kanone in den vergangenen Monaten in vielen freiwilligen Arbeitsstunden vollkommen neu aufgebaut. 

Die Kanone steht für einen kurzen, aber sehr entscheidenden Zeitabschnitt in der Geschichte Stickhausens und Ostfrieslands. Sie erinnert auch an den Widerstand der Ostfriesen gegen die „Kriegspflicht“ in der napoleonischen Armee und Marine.

Nach der Niederlage Preußens gegen die Truppen Napoleons besetzten 1806 holländische Soldaten Ostfriesland, das  seit 1744 zu Preußen gehörte. Aus der preußischen Provinz Ostfriesland wurde das „Departement Oostfriesland“ des mit Frankreich verbündeten Königreichs Holland. 1811 wurde Ostfriesland zum „Département de l’Ems-Oriental“ des französischen Kaiserreichs. Stickhausen blieb Verwaltungssitz, aus dem „Amt Stickhausen“ wurde das „Kanton Stickhausen“ im „2. Arrondissement“ des Departements.

In Ostfriesland galt jetzt französisches Recht: Gleichheit vor dem Gesetz, freie Berufswahl, Ende des Zunftzwangs, Trennung von Kirche und Staat. Die Zivilehe wurde eingeführt, ein Friedensrichter sprach Recht, Längen- und Gewichtsmaße – bis dahin in jedem Dorf unterschiedlich – wurden vereinheitlicht, Adel und Kirche mussten Steuern zahlen. 

Unter dem französischen Regime wurden erstmals in der Geschichte Ostfrieslands Männer zwangsweise zum Militärdienst einberufen. Im Frühjahr 1811 mussten sich alle ledigen Männer im Alter von 23 Jahren einer Musterungskommission stellen. Im Losverfahren wurde festgelegt, wer die Uniform anziehen musste.

Die „Kriegspflicht“ wurde von den Ostfriesen empört abgelehnt. Es gab überall zum Teil gewaltsame Proteste. Besonders die Seeleute, für die es eine extra Aushebung gab, weigerten sich und es kam in ganz Ostfriesland und auf den Inseln zu Aufständen und  Tumulten. Die französischen Behörden schlugen mit Härte zurück, riefen das Militär und ein französisches Kriegsgericht verurteilte in Aurich einen Großefehntjer und einen Moordorfer wegen Widerstands zum Tode. Sie wurden erschossen. 

Die Folgen der französischen Kriegswirtschaft trafen die Bevölkerung auch wirtschaftlich. Über indirekte Steuern mussten die Bürger ihren Anteil an den Zwangsgeldern  leisten, die das „Département de l’Ems-Oriental“ nach  Paris zu schicken hatte.

Dazu kam die Kontinentalsperre: Um seinen erbittertsten Feind, England, zu treffen, verbot Napoleon nicht nur den Handel mit dem Vereinigten Königreich, sondern jegliche Aus- und Einfuhr über See. Das traf die Ostfriesen schwer, denn viele lebten von der Schifffahrt und dem Handel mit Übersee.

Ein Ausweg war der Schmuggel. Das damals britische Helgoland war das Zentrum des Schmuggelhandels. Schiffe liefen nachts heimlich aus den ostfriesischen Sielhäfen aus, auf der Insel wurden dann mit  britischen Händlern Waren getauscht. Über den  „Schmuggelpad“ zwischen Deternerlehe und Vreschen-Bokel kamen bei Nacht und Nebel Tee, Kaffee und „Manchester-Stoffe“ aus dem unbesetzten Oldenburg ins französische Stickhausen  – ein gefährliches, aber lukratives Geschäft. In Stickhausen durchsuchten  französische Zollbeamte, die gefürchteten Douaniers, nicht nur jedes Schiff, dass über die Jümme kam. Sie drangen auch in Privathäuser ein, machten Jagd auf Schmuggelware und versetzen die Bürger in Angst und Schrecken. 

Und mit noch etwas machten sich die Franzosen unbeliebt: Die französische Obrigkeit verordnete den Ostfriesen ein neues Namensrecht. Bis dahin hatten nur wenige Ostfriesen, vor allem aus der Oberschicht, einen festen Nachnamen. Die meisten Ostfriesen nahmen einfach den Rufnamen des Vaters als ihren Nachnamen: Der Sohn von Fokke Peters hieß Peter Fokken und dessen Sohn hieß wieder Fokke Peters. Frauen behielten nach ihrer Heirat ihren Mädchennamen. Die Franzosen machten mit diesem Durcheinander ein Ende: Der Vater mußte einen Familiennamen auswählen, ihn beim Bürgermeister, dem „Maire“, anmelden und ab dann durfte der Nachname nicht mehr geändert werden. Weil Männer damals häufig Jan hießen, ließen sich viele als „Janssen“ registrieren. Und dabei blieb es. 

1813, nach dem verlorenen Russland-Feldzug, zogen die Franzosen zur Freude der meisten Ostfriesen ab.  Ostfriesland fiel wieder an Preußen. Das „Département de l’Ems-Oriental“ war Vergangenheit.